heim

Mit dem Bilderzyklus „heim“ präsentiert Carsten Rabe eine nachdenkliche visuelle Erzählung, ein sinnliches und assoziatives Panoptikum, das die Begrifflichkeiten von Herkunft und Heim, Habitus und Habitat umkreist. Bilder, die die Spuren und Residuen menschlichen Gestaltungswillens zeigen und die sich zu einem fein zusammengesetzten Narrativ zusammenfügen. Es sind Werke, die in den Jahren 2017/18 entstanden sind und für den Künstler aufgrund ihrer Erzählung in Bezug zu Heim/Heimat stehen. Teile des Bilderzyklus sind bewusst in Schwarz-Weiß gehalten, um eine Unterstreichung der Bildästhetik bei gleichzeitiger Reduktion der Farbigkeit zu erzielen.

Heim, das ist Zuhause und Zurück, ein konkreter Ort genauso wie eine überschriebene Vergangenheit, das verlorene Land der Erinnerungen, und beides greift in Rabe‘s Erzählung subtil ineinander. Der ­Begriff Heimat bezieht sich auf eine Beziehung zwischen uns und dem uns umgebenden Raum, auf den Ort, in den wir hineingeboren werden und in dem die frühesten Sozialisationserfahrungen stattfinden. Die Herkunft ist dabei etwas, das auf unserem soziokulturellen Erbe, der Aneignung von bestimmten Gefühlen, Perspektiven, ästhetischen Präferenzen und Wertesystemen beruht. Das Heim und die Heimat tragen zur Bildung der eigenen Identität bei, sie werden zum Gerüst der eigenen Selbstdefinition. Doch Heimat und Heim prägen auch die Art zu sehen, zu gehen und zu denken – sie sind Konstituenten eines Habitus, der Verinnerlichung der äußeren gesellschaftlichen materiellen und ­kulturellen Bedingungen des Daseins, den wir mit uns forttragen.

Rabe findet in seinen Arbeiten unterschiedliche emotionale Bezüge zu dem Begriff Heimat. Ein Schlossmodell vor gewebtem Hintergrund eröffnet den Zyklus als eine Art überhöhtes Ideal- und Traumbild. Die Farbigkeit in Rot verleiht dem Bild einen puppenhaften und märchenhaften Charakter, gleichzeitig steht das Rot in seiner Intensität eher für Aggression als für Schönheit. So kippt der Traum in dem Bildarrangement in ein unheimliches Zerrbild. Später im Zyklus das Bild von einem Hochsitz am Waldrand. Dieses weckt Assoziationen zu Jagd, Wache und Wachturm. Der Hochsitz als Zeichen von Beobachtung und Abwehr, Trennung, Protektionismus und heimlicher Aggression. Heimat wird hier zum eingehegten Ort einer vermeintlichen Beschützung und Verteidigung. Dabei verschiebt sich der Gedanke von Heim, Herkunft und Prägung in sein Negativ. Aus dem Gedanken der Abgrenzung resultiert die Isolierung gegenüber der Fremde und der damit verbundenen sozialen Verödung durch fehlende äußere Einflüsse.
Im Kontrast dazu steht die Serie der Spielgeräte als Symbol der Kindheit und Unbeschwertheit. Die Kindheit klingt an als Erinnerung an den Ursprung der eigenen Erfahrung und Herkunft. In ihrer Stille, Verlassenheit und ihrem Stillstand sind dies Urbilder von der Idee der Verwurzelung in der eigenen Geschichte und der kindlichen Verbindung zu einem Ort.
Es interessieren den Künstler Metaphoriken und visuelle Begrifflichkeiten, die die Zuordnung und Eingepflanztheit vom Menschen in seinem Lebensraum greifbar machen, aber auch die Gefahr des ständigen Umtopfens. Dieser Topos wird in einigen Bildern von Sukkulenten und Kakteen, einem Leitmotiv, wiederaufgegriffen. Schon am Anfang sieht man das Bild eines alleinstehenden Blumentopfes. Dieser mag für die Verpflanzung und der Vernetzung des Individuums in der eigenen Geschichte stehen, welche einen Bezug zur Vergangenheit herstellt. Die Pflanze ist zwar verwurzelt, steht aber dennoch auch allein in einem Kübel, versetzt zu den anderen Dingen. Die Idee der Verwurzelung ist also gebrochen oder gekippt. Die Verortung ist unvollständig, unter dem Boden bleibt die Mobilität. Zudem wird die idealisierte heimatliche Makro-Landschaft, das Biotop der Behaglichkeit, damit aufgelöst in verschiedene fragmentierte Habitate, kleinräumige Nischen, in denen sich der mobile moderne Mensch für Nahrungs-, Laich-, Brutaktivitäten temporär einnistet.

Mit Bild Nummer vier beginnt das Kernkapitel. Es folgen Bilder von Häusern, Gärten, Innenräumen, Stadträumen, Bahnhöfen, Unterführungen und Spielgeräten, die unsere Adaptionen an einen Lebensraum abbilden. Der Mensch ist fast in nur seinen Spuren anwesend oder verfremdet, d. h. geschminkt und verkleidet. Stadt und ländliche Region als Korpus und Hülle des sozialen Umfeldes bilden Kontraste. Auch Porträits, Stillleben und Arbeitsräume finden sich. Man erfährt, um mit Bourdieu zu sprechen, die Objektivationen von Eigentum, mit denen sich Menschen umgeben – Häuser, Möbel, Pflanzen, Sportgegenstände, Alltagsdinge – und darin angelegt die Praktiken, die sportlichen Betätigungen, die Spiele, die kulturellen Ablenkungen, die dem Habitus als einheitsstiftenden Erzeugungsprinzip aller Formen entspringen. Der Mensch ist praktisch prägend tief drin in den Räumlichkeiten, in der Geschichte, der Gegenwart, der Moderne – und dennoch abwesend, fremd, unterkühlt und gleichgültig für sein Umfeld.

Es folgen Computer, die für Technik, Zukunft oder Moderne stehen, aber in ihrer rasanten Überalterung auch Symbole sind für Historizität und rapiden Verfall. Die Computer erscheinen zudem wie das Luftbild einer Wohnsiedlung auf blumigem Teppich, eine Allegorie auf Retorten-Kleinstädte als Wohlfühlparadiese. Die Kleinstadt als geplantes Muster der geordneten und gerasterten Heimat. Eine Aneinanderreihung von Augés Nicht-Orten, mono-funktional genutzten Orten im urbanen Raum, die gewissen Kommunikationsdefizite ausstrahlen. Nicht-Paradiese voller Daten und Erinnerungen, die eine Verortung, ein Andocken, ein Wiederaufnehmen und Wiederbeleben komplex machen. Wir sehen auch einen Tempel, ein Mausoleum, das als ein Ort des Kultivierens des Vergangenen gelesen werden kann. Der Mensch erschafft Orte des Gedenkens, um sich seiner Geschichte zu vergewissern, um Anker der Stabilität und Kontinuität zu haben.

Zum Finale endet die Serie mit Bildern des Verfalls, symbolisch für die Endlichkeit und Vergänglichkeit. Heimat wird hier in Bezug gesetzt mit Lebensalter und dem Verlassen der Kulissen durch den Akteur. Die Treppe zum Abschluss kann gelesen werden als eine Stiege nach unten oder oben, ins Dunkle oder ins Licht, Himmel oder Hölle, Heimat oder Fremde.

Mit diesem kraftvollen Kanon versucht Rabe eine Standortbestimmung zu den Fragen: Wo kommen wir her, Wie leben wir, Wo gehen wir hin und Was bleibt. Im Zentrum steht hierbei der menschlichen Gestaltungswille. Was treibt Mensch/Individuum an, innerhalb eines Möglichkeitsraums sein Umfeld zu gestalten, nach welchen Maßstäben funktioniert dieses Handeln und auf welche Ästhetiken und Praktiken greifen wir zurück. Gleichzeitig unterliegt dieser Prozess einer immerwährenden Transformation der Alterung. Die Gestaltungsräume sind einem stetigen Verfall, einer Reduktion und Verflüssigung ausgesetzt, sodass diese sich neu erfinden müssen oder neu definiert werden. Es entsteht ein stetiger Prozess der Neu-Ästhetisierung, welcher sich ab einem bestimmten Moment autark von seiner Ursprungsästhetik verselbstständigt.
Hierbei sieht der Künstler seine Betrachtung zum Umgang mit der Begrifflichkeit von Heimat im aktuell oftmals genutzten Kontext durchaus kritisch und versucht mit den Bezügen in seinen Bildern eine kontextualisierte Fragestellung zum Umgang von Herkunft, Habitat, Heim anzustoßen.

Dr. Michael Pröpper, 2018

Ausstellung

heim
Carsten Rabe

Vernissage: Freitag, 8. Juni 2018 ab 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 9. – 17. Juni 2018

Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag, 15 – 19 Uhr

MOM Artspace | Valentinskamp 34a | 20355 Hamburg