I am not you

Die aus 20 Fotografien bestehende Bildinstallation I AM NOT YOU folgt einer abstrakten Erzählung welche eine visuellen Annäherung an die Begrifflichkeiten von Herkunft und Heim – Habitus und Habitat – Heimat vornimmt.
Der Begriff Heimat bezieht sich auf eine Beziehung zwischen Menschen und Raum, auf den Ort, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden. Die soziale Herkunft beruht dabei auf einem soziokulturellen Erbe von bestimmten Gefühlen, Perspektiven, Ästhetischen Präferenzen, Ressourcen und Wertesystemen, welche zur Bildung der eigenen Identität beitragen.
Innerhalb dieses Kanons versucht die Installation eine Standortbestimmung zu den Fragen: Wo kommen wir her, Wie leben wir, Wo gehen wir hin und Was Bleibt. Zentral steht hierbei der menschlichen Gestaltungswille. Was treibt Mensch/Individuum an, innerhalb eines Möglichkeitsraums sein Umfeld zu gestalten, nach welchen Maßstäben funktioniert dieses Handeln und auf welche Ästhetiken und Praktiken greifen wir zurück. Gleichzeitig unterliegt dieser Prozess einer immerwährenden Transformation der Alterung. Die Gestaltungsräume sind einem stetigen Verfall ausgesetzt, sodass diese sich neu erfinden müssen oder neu definiert werden. Es entsteht ein stetiger Prozess der Neu-Ästhetisierung, welcher sich ab einem bestimmten Moment autark von seiner Ursprungsästhetik verselbständigt.

In meinen Bildinstallationen arbeite ich stets mit eigenen Fotografien, die nicht inszeniert oder digital verfremdet werden. Die Bilder folgen einem dokumentarischen Anspruch und zeigen, innerhalb der subjektiven Möglichkeiten der Fotografie, einen Ausschnitt eines Stücks Zeitgeschehen. Zur Ausarbeitung der Erzählungen innerhalb der Installationen arbeite ich mit meinen Archiven und stelle abstrakte Zusammenhänge zwischen den Bildern her. Das einzelne Motiv wird seinem Ursprungskontext enthoben und thematisch in eine neue Erzählung überführt. Das einzelne Bild existiert dabei weiter für sich, ist zudem im Arrangement als Teil einer Einheit anzusehen. Die Erzählstränge innerhalb des Bildarrangements werden durch die unterschiedlichen Formate, Rahmungen und Hängungen unterstrichen.

Innerhalb des Arrangements I AM NOT YOU ergeben sich verschiedene Erzählstränge. Anfangspunkt ist das große Bild mit der Tapete und den jeweils drei Porträtfotografien, welche jeweils als vertikale Triptychen die Portraits dreier Geschwistern zeigt. Diese Hyperimages (Bild im Bild) sind die Protagonisten der Erzählung. Den Dreiklang aufgreifend sind zur Rechten drei Interieurs zu sehen. Sie sind das Pendant zu den drei Portraits. Jedes Interieur symbolisiert charakteristisch den Gestaltungswillen einer Person zu einem Ort. Die Drei Bilder vereinheitlichen drei Ästhetiken und spannen damit den Bogen zu den Porträts in der Mitte.

Demgegenüber finden sich zur Linken die drei Bilder eines roten Raumes, welche jeweils eine Eckansicht desselben Raumes zeigen. Es sind bewusst drei Ansichten – da die vierte Ecke und mit Ihr der Eingang in den Raum fehlt, bleibt das Gesamtbild unvollkommen. Der Raum wirkt gespenstisch und einengend, ohne Eingang / Ausgang, steht er symbolisch für Heimat und Herkunft als Bürde, als Raum der keine Geborgen-heit, Schönheit, Phantasie ausstrahlt sondern Angst, Aggression und Gefahr. Gespiegelt auf der imaginären Mittelachse zwischen den Portraits stehen die drei Bilder somit konträr zu den drei Interieurs.
Umringt wir diese Spiegelung von verschiedenen anderen Motiven. Unten Links zeigt ein Bild in einem grauen Rahmen, Schuhen und Socken auf einem Geröllfeld, es steht für den Begriff Heimat in Bezug auf Flucht und Vertreibung, auf Unruhe und Wagnis, Leid und Verlust.
Ebenfalls im grauen Rahmen sieht der Betrachter ein weiteres Interieur. Es zeigt Objekte an einer Wand: Artefakte versus Technik. Gegenstände unterschiedlicher Herkunft, afrikanisch, fernöstlich, nordeuropäisch gegenüber von Elektrizität und Heizung. Das ursprüngliche in Gegenüberstellung zur Zivilisation. Das Accessoire des Fremden, als identitätsstiftend bei der Suche nach dem Begriff der eigenen Herkunft, jenes verortet den eigenen Standort und manifestiert diesen in dem mir zugeordneten – von mir gewählten Umfeld.
Das dritte Bild im grauem Rahmen zeigt ein Detail eines Raumes, eine angeheftete Kopie von drei Steinböcken, die nur als Schwarzfläche in ihrer Silhouette zu erkennen sind, daneben der dreifache Schattenwurf einer Lampe. Die Komposition dieses Motivs greift die Thematik des vorher beschrieben auf, die Assoziation des wilden Archaischen in Form der Steinböcke im Gegensatz zum Schattenwurf der Lampe als Allegorie auf die Technik.
Darüber und rechts daneben hängen drei großformatige Bilder schwarz gerahmt Eine deutsche Straßenszene mit Vorgarten und Wohnhaus, daneben ein Vorgarten, eine Vogelhäuschen, und abschließend darunter ein weiteres Interieur. Alle drei Bilder zeigen das gleiche Modell/die Form eines deutschen Einfamilienhauses. Das bekannte als Beruhigung durch das gewohnte. Das Haus an der Straße, das Vogelhaus, das Haus als Setzkasten. Die Idee von Herkunft, Heimat unter der Idee von Heim, als Form, die dieser Verortung eine Behausung gibt.
Darunter ein kleines Bild mit den Details von rosafarbigen Käfigen. Habitus und Habitat als Käfig. Damit zieht das Bild inhaltlich Parallelen zu den roten Räumen, und greift zudem durch seine rosa Farbigkeit die drei Bilder oben Links auf.
Daneben ein Bild von einer Terrasse und Stühlen, ein sommerlich aufgeräumtes Setting unter strahlend blauem Himmel. Ein Ort der klaren Aussichten, Ruhepol als begrenzte Fläche, schnörkellos und einfach gleichzeitig versetzt mit einem Hauch von Fremde und Sehnsucht. Damit steht das Bild im Zusammenhang zu den drei Fotografien oben Links. Heimat als Traum, als Sehnsucht, als Paradies und Traumbild: Die Palmen im rosa Sonnenuntergangshimmel, darüber der inszenierte Raum, getaucht in blaues Licht mit Sonne und Mond thronend über einem rosa Sofa. Ein weiteres Interieur, welches sich dem funktionalen Gestaltungswillen entzieht und sich dem rein Ästhetischen und Märchenhaften hingibt. Heimat als Sehnsucht.

Links daneben die Fotografie eines Graffiti Schriftzugs: I AM NOT YOU Dieses Motiv liefert den Titel der Bildinstallation. Der Titel ich bin nicht du, möchte der Individualität des Einzelnen Rechnung tragen, indem es den Kollektivgedanken von Herkunft und Heimat auf etwas Subjektives Individuelles transformiert. Hiernach würden Herkunft, Heim, Habitus, Habitat, Heimat, nur bedingt einer kollektiven Entsprechung folgen, sondern beruhen auf dem Menschen als Individuum. Die Installation versucht somit die Instrumentalisierung jener Begrifflichkeiten zu Hinterfragen und aufzubrechen.

Ausstellung

I AM NOT YOU

Ausstellung der BewerberInnen für das Arbeitsstipendium für bildende Kunst der freien und Hansestadt Hamburg 2018 im Kunsthaus Hamburg.

Ausstellung Dezember 2018

Kunsthaus Hamburg
Klosterwall 15
20095 Hamburg